„Wir arbeiten am Limit“

Gummersbach - 11.11.2014

Oberberg – Die Flüchtlingsströme belasten auch die Oberbergische Tafel – Herausforderung besteht nicht nur in der Bereitstellung von Lebensmitteln – Pfeiffer: „Wir nehmen die Herausforderung an, wissen aber nicht, ob wir es schaffen.“

Wenn Ulrich Pfeiffer, Vorsitzender der Oberbergischen Tafeln, davon spricht, wie viele Menschen von der Tafel mit Lebensmitteln versorgt werden, spricht er von Bedarfsgemeinschaften. 150 solcher Bedarfsgemeinschaften sind am Gummersbacher Standort der Oberbergischen Tafel registriert, 120 in Bergneustadt und 70 in Marienheide. Hinter dem Begriff kann sich eine einzelne Person verbergen – aber auch eine komplette Familie, die auf die kostenlosen Lebensmittel angewiesen ist. Also rechnet Pfeiffer mal drei und kommt auf rund 1.000 Menschen, die die Dienste der Oberbergischen Tafel in Anspruch nehmen.

„Jede Woche kommen neue hinzu, aber wir können nur so viele Menschen aufnehmen, wie wir auch verköstigen können“, erklärt Pfeiffer. Die Besucherzahlen bei den Essensausgaben sind im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, insbesondere der Flüchtlingsstrom aus Afrika und dem Nahen Osten lässt die Tafel zuweilen an ihre Grenzen stoßen. Im Juni und Juli gab es in Gummersbach sogar einen Aufnahmestopp. „Unsere Ehrenamtler nehmen die Herausforderung an und geben das, was sie haben. Ob es uns gelingt, diese stetig wachsende Aufgabe zu bewältigen, weiß ich nicht. Aber wir versuchen es“, so Pfeiffer.

Die Herausforderungen bestehen dabei nicht nur darin, an ausreichend Lebensmittel zu kommen, sondern sind oft ganz anderer Natur: Die Verständigung wird aufgrund sprachlicher Barrieren zunehmend zum Problem. Unter den Besuchern der Gummersbacher Tafel machen Migranten und Asylbewerber mittlerweile einen Anteil von 70 Prozent aus. Da prallen nicht nur die verschiedensten Sprachen, sondern auch Nationalitäten, Kulturen und Religionen aufeinander. „So kommt es leider immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationalitäten und Religionen, insbesondere während der Wartezeiten, wenn der Stress unter den Anstehenden steigt“, erklärt Pfeiffer.

Um dem vorzubeugen, versucht die Tafel, die Wartezeiten so gering wie möglich zu halten. An den Vortagen der Essensausgaben werden Nummern nach dem Losprinzip verteilt. An diese Reihenfolge halten sich aber nur wenige, schon morgens wird Schlange gestanden, der Stress steigt und mit ihm auch das Konfliktpotential. „Wir versuchen auf solche Probleme zu reagieren. Eine unsere Ehrenamtlerinnen steht beispielsweise mit in der Warteschlange, um beruhigend auf die Anstehenden einzuwirken.“ Trotzdem wurden auch schon Tafelverbote ausgesprochen. „Schließlich müssen wir unsere Besucher ja schützen“, erklärt Pfeiffer.

Dass manche muslimische Besucher kein Verständnis dafür haben, dass nicht täglich Geflügel oder Rind angeboten werden kann, weiß Roland Fritz, Küchenchef der Gummersbacher Tafel, zu berichten. Er bereitet seine Gerichte aus den Lebensmitteln zu, die gespendet werden. Darauf, was gespendet wird, hat die Tafel keinen Einfluss. „Täglich werden vegetarische Speisen und Fleischgerichte angeboten – dabei kann es sich auch schon mal um Schweinefleisch handeln. Dass es nicht täglich Rind oder Geflügel geben kann, veranlasst den ein oder anderen schon mal dazu, frech zu werden“, berichtet Fritz. „Hungern muss hier niemand – aber ein À-lacarteRestaurantsind wir auch nicht.“

Fritz arbeitet ehrenamtlich, täglich von 8 bis 15 Uhr. „Es ist ein Vollzeitjob“, so der gelernte Koch, der 30 Jahre bei der Bundeswehr hinterm Herd stand und nun seit vier Jahren bei der Tafel arbeitet. Um die Verarbeitung und die Ausgabe von Lebensmitteln geht es dabei aber nicht alleine. Neben der Einsammlung, Sortierung, Ausgabe und Verarbeitung der Lebensmittel sind es besonders die Verwaltungsaufgaben, die die Zeit der Ehrenamtlichen in Anspruch nehmen. Jugendstraftäter können in der Tafel beispielsweise ihre Sozialstunden ableisten. „Das muss dann alles dokumentiert und festgehalten werden, außerdem stehen wir im engen Kontakt mit den Bewährungshelfern“, beschreibt Pfeiffer Aufgaben, an die man sicherlich nicht im Zusammenhang mit der Tafel denkt.

„Unsere Ehrenamtler arbeiten am Limit und brauchen dringend Unterstützung“, ist Pfeiffer der Ernst der Lage bewusst. Menschen, die beruflich mit Lebensmitteln zu tun haben, sei es als Verkäufer, Metzger oder Kellner, und in der Tafel ehrenamtlich mitarbeiten wollen, werden darum dringend gebraucht. „Diese Menschen sollten zuvorkommend, aber bestimmt sein. Vor allem aber müssen sie ein Herz für Bedürftige haben“, erklärt Pfeiffer. Denn schließlich verstehen er und seine Mitarbeiter ihre Arbeit als Dienst am Menschen, der nicht immer leicht ist, den sie aber dennoch gerne zu leisten bereit sind.

(Quelle: Oberberg Aktuell)